Alle mussten ihren Ausweis in die Luft halten, damit die Grenzer ihn sehen konnten

Der 09. 11.1989 war für meinen Vater erst mal ein Tag wie jeder andere. Er war damals in der Weiterbildung zum Lokführer (noch bei der Deutschen Reichsbahn) und für ein halbes Jahr auf dem Bahnhof Bitterfeld „abgestellt“. An jenem besagten 09.11.89, es war ein Donnerstag, hatte er frei. Wie sich später herausstellte glücklicherweise auch am Freitag, Samstag und Sonntag.

Der Tag fing für ihn normal mit dem Aufstehen an. Von den sich andeutenden Ereignissen war noch nichts zu spüren. Am Abend so gegen 18.00 Uhr hatte er sich mit einem Freund am Rathaus verabredet. Dort sollte das erste Mal das „Zentralkomitee der SED*“ mit ihrem Vorsitzender Schulzkie den Bürgern Rede und Antwort stehen zu aktuell wichtigen Themen. Es ging hauptsächlich um Reisemöglichkeiten in die BRD. Gegen 21.00 Uhr war der ganze Spaß vorbei, die Rede von Herrn Schabowski auch, aber die beide wussten von der Grenzöffnung noch nichts.

Also haben sie sich aufs Moped gesetzt, sind nach Hause gefahren und um 21.45 Uhr haben sie den „Heute Journal“ gesehen. Mein Vater sah Menschen in Berlin am Grenzübergang stehen. Die Meldungen überschlugen sich, keiner wusste, was genau war, welche Übergänge offen oder noch zu waren und wie es überhaupt weitergehen sollte.

Dann weckte Vater seine Eltern, welche an jenem Abend bereits im Bett waren und auch schon schliefen. Auf seine Frage, ob jemand wüsste, was eigentlich passiert sei, antwortete ihm seine Mutter kurz und knapp:“ Die Grenze ist auf“. Dazu muss ich sagen, dass meine Großeltern schon etwas älter waren und bereits zweimal in den „Westen“ fahren durften. Also das war nicht wirklich was Neues für sie.

Mein Vater konnte den nächsten Tag kaum erwarten und fuhr bereits zu 8.00 Uhr zum VPKA (das Volkspolizeikreisamt). Dort war man von den Ereignissen der letzten Nacht genauso überrascht und wusste nicht, was man mit den vielen Leuten vor Ort machen sollte. Es trafen in den nächsten Minuten/Stunden immer mehr Bürger aus Wittenberg und Umgebung dort ein.

Nach ca. 2-3 Stunden stellte sich ein Offizier der Volkspolizei, es kann ein Major oder so jemand gewesen sein, auf die Treppe und bat lautstark um Gehör. Er sagte, dass man erst mal einen „Ausreisestempel“ gültig bis 31.05.1990 in den Personalausweis/Reisepass (wer einen hatte) machen müsste. Mit diesem könne man dann über eine GÜST (Grenzübergangssstellen) der DDR nach Westberlin oder der BRD zeitweise oder aber für immer ausreisen. Mein Vater stand ziemlich weit vorne und bekam somit als einer der Ersten den begehrten Stempel.

Mit diesem ging er dann zur Notenbank der DDR, um seine ihm zustehenden 15,- DM (die bekam jeder bei einer Reise in die BRD) abzuholen. Er tauschte sie also schnell um (15 DDR Mark in 15 DM) ging noch bei seiner Mutter am KONSUM (Kaufladen) vorbei, um ihr ganz nebenbei zu sagen, dass er jetzt in den „Westen“ fahre. Kurz danach war er bereits am Bahnhof.

Da die wenigsten so schnell waren wie er, waren die Züge in Richtung Berlin genauso voll wie sonst auch. Als Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn hatte er noch Freifahrten und so kam er ganz umsonst ca. 1,5h später in Berlin Lichtenberg an. Dann noch schnell bis zum S- Bahnhof Warschauer Straße und schon war er dann fast an der GÜST“ Oberbaumbrücke“.

Die U Bahn Linie 2 fuhr damals noch nicht wie heute bis U-Warschauer Straße sondern nur bis zum auf der Westberliner Seite gelegenen U Bahnhof Schlesisches Tor. An der Oberbaumbrücke angekommen war dieser Grenzübergang allerdings noch nicht geöffnet. Eine riesige Menschenmenge stand am Zaun/an der Mauer und forderte, dass diese geöffnet werden soll. Die Grenzer waren in dieser Situation total überfordert und wussten nicht, was sie machen sollten.

Einige Zeit später, die Leute wurden immer lauter, die Grenzer immer unruhiger, stellte sich wie am Vortag ein Offizier der Grenztruppen (diese waren eigenständig und gehörten nicht zur NVA**) auf ein Podest, bat um Ruhe und verkündete:“ Wir werden jetzt alle Leute, welche hier stehen über den Grenzübergang nach Westberlin ausreisen lassen. Dazu müssen alle ihren Ausweis nur in die Luft halten, damit die Grenzer diesen sehen können“. Das war natürlich absoluter Quatsch, denn bei der Menge an Menschen konnte niemand die hochgehaltene Ausweise kontrollieren, schon gar nicht auf ihre Richtigkeit.

So setzte sich der Tross von DDR Bürgern in Bewegung, regelmäßig gestoppt von Beton und Gittersperren, welche einen unberechtigten Mauerdurchbruch nach Westberlin noch vor wenigen Stunden verhindern sollten. Unter Beifall von vielen Westberlinern überquerte mein Vater die Spree und erreichte nach einiger Zeit Westberliner Gebiet. Dies gehörte damals nicht zur BRD sondern war im Prinzip eigenständiges Gebiet unter ständiger Besetzung der alliierten Kräfte (Russland, Amerika, England und Frankreich).

So war mein Vater das erste Mal im „Westen“. Er wusste nicht, wo er zuerst hinschauen sollte, war aber auch nicht vom Angebot in den Läden und Schaufenstern erschlagen. Es gab alles, auch das was man in der DDR in den ganzen Jahren nie oder kaum gesehen hatte. Unmittelbar hinter der GÜST, in der Nähe vom U Bahnhof Schlesisches Tor, war eine Bank, an der er sich anstellte und seine 100 DM Begrüßungsgeld (das wurde von der damalige BRD zur Verfügung gestellt) abholen konnte. Er meint, es sei die Commerzbank gewesen. Damit man das Geld nicht zweimal holte, bekam man einen Stempel in den Ausweis.

Mit jetzt sagenhaften 115 DM und noch etwas Erspartem (es war insgesamt ca. 150 DM, was für die damalige Zeit und für seine Situation sagenhaft viel war) konnte er jetzt Westberlin unsicher machen. Die BVG war an diesem und den folgenden Tagen für DDR Bürger frei und so fuhr er durch Westberlin auch zum KADEWE. Dort war sein Einkauf Apfelsinen (sowas brachte man immer bei Westbesuchen mit), diverse andere Dinge und ein kleines Kochbuch (als Geschenk für die Eltern).

Am späten Nachmittag begab mein Vater sich wieder Richtung Ostberlin, wobei er nicht mehr weiß, über welchen Grenzübergang er diesmal gegangen war. Der Zug, weil er von Berlin weg fuhr, war sehr leer. Als er in Wittenberg angekommen war, traute er seinen Augen nicht. Der Bahnsteig nach Berlin war schwarz. Er war Menschen überfüllt. In den Zug, der dort stand, stiegen die Leute nicht wie üblich durch die Türen sondern auch durch die Fenster ein. Ein Weiterfahren war unter diesen Bedingungen für diesen Zug kaum möglich. Auch er, weil er ja über den Bahnsteig musste, hatte sehr große Probleme zum Ausgang zu kommen.

Froh, dass er jetzt nicht mit diesem Zug nach Berlin fahren musste, ging es nach Hause.

*= Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
**= Nationale Volksarmee

Sebastian I.