Als die Menge dem Diktator ins Wort fiel

Erinnerungen an die Wende in Rumänien

Die Wende in Deutschland erlebte ich wie wohl die meisten „Wessis“ am Fernsehen. Es schien mir völlig unwirklich, was da passierte. Ohne einen glaubhaften äußeren Anlass öffnete sich da plötzlich die Mauer und die Leute aus Ost und West vielen sich in die Arme. Es war wie ein Wunder oder, besser: es war ein Wunder. Dies kann jeder bestätigen, der gesehen hat, wie viele erfolglose Bemühungen es vorher gegeben hat, diesen Konflikt zwischen dem kommunistischen Osten und dem kapitalistischen Westen zu beenden.

Ich habe nach der deutschen Wende dann aber auch die Wende in Rumänien miterlebt, eine Wende, die leider nicht so friedlich verlaufen ist wie in Deutschland. In den dramatischen Tagen vom 16. bis 27. Dezember 1989, in denen die sogenannte rumänische Revolution von statten ging, war ich Student in Essen und fungierte gerade in meiner Funktion als Wachmann (Nebenjob) in dem Tropenhaus des Grugaparks. Während ich so zwischen Kakteen und Palmen spazieren ging und darüber wachte, dass niemand was abbrach oder zerstörte, hörte ich dem öffentlichen Radio zu. Zuerst hörte ich Berichte über einen ungarischen Pfarrer, der in einer westrumänischen Stadt eine Gruppe Leute anführte gegen das Regime, dann weitete sich die Rebellion aus in weitere Städte Rumäniens und schließlich ging alles in Bürgerkrieg ähnliche Zustände über. Jede Stunde, jeden Tag wurden die Berichte über die Vorkommnisse spannender, dramatischer, unübersichtlicher. Was ich tagsüber während meiner Arbeit im Radio hörte, machte mich neugierig darauf, was ich abends im Fernsehen dann zu sehen bekam. Ich sah Bilder der Schießereien zwischen Aufständischen und der Securitate, d. h. der Sicherheitspolizei Ceausescus, dann auch Bilder von angeblich massakrierten Aufständischen, die sich aber im Nachhinein als Fake News herausstellten.

Was aber am spannendsten und unvergesslichsten war, das war der Auftritt des großen „Führers“ des rumänischen Volkes Nicolae Ceausescu am 21. Dezember auf dem Platz der Revolution in Bukarest. Auf diesem Platz wurden Leute mit den üblichen Huldigungsplakaten hinbestellt, die Ceausescu zunächst zujubelten. Doch dann kippte die Stimmung. Plötzlich hörte man im Hintergrund andere Stimmen, die immer lauter wurden und schließlich die vorderen an Lautstärke übertönten. Aus „Es lebe Ceausescu!“ wurde auf einmal „Nieder mit Ceausescu!“ Der große Führer wurde zunehmend unsicherer, schrie auf das Volk ein „Verräter! Verräter!“ und flüchtete schließlich mit seiner Frau und Leuten vom Sicherheitsdienst. Man konnte noch den Hubschrauber sehen, mit dem der Diktator das Weite suchte. Es sollte nur noch Stunden dauern, bis die „Revolutionäre“ das Ehepaar Ceausescu in die Hände bekommen sollten, um ihm nach Mafia-Art einen kurzen Prozess zu machen. Die Bilder der hingerichteten Ceausescus gingen um die Welt. Eine blutige Revolution, die auch auf die Revolutionäre kein gutes Licht wirft. Manche sprechen heute von Putsch anstatt von Revolution, weil man mittlerweile weiß, dass auch viele äußere Kräfte bei der „Revolution“ die Hände im Spiel hatten.

Mir hat dieser letzte Auftritt Ceausescus am 21. Dezember 1989 vor seinem Volk einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Besser hätte man in keinem Film die Erosion von Macht anschaulich machen können, als es hier die Realität getan hat. Der Mann, der mein ganzes damaliges Leben über in Rumänien, meiner Heimat, mit unumschränkter Macht regiert hatte (es waren insgesamt 25 Jahre!), musste nun vor den Augen der Welt alles abgeben. Jene, die im zujubelten wie in den letzten 25 Jahren, wechselten nun in Sekunden ihre Haltung und wurden zu „Verrätern“, zu „Staatsfeinden“. Der Alptraum jedes Diktators, der plötzlich erkennen muss, dass es keine Liebe ist, wie er sich das wünscht, die ihm entgegengebracht wird, sondern nur Heuchelei. Eine Heuchelei, die er herangezogen hat über die vielen Jahre.

Die Ereignisse im Jahr 1989 lassen mich hoffen, dass in der Geschichte manchmal Kräfte wirksam sind, die unverhofft eingreifen und dem Guten zum Durchbruch verhelfen. Nenne man sie Schicksal oder Gott. Aber ich weiß natürlich auch, dass diese Kräfte nicht berechenbar sind, denn sie können ebenso auch Not und Elend schicken. Deswegen bleibt es immer noch unsere Aufgabe, uns Erdenbürgern, uns für das Richtige im richtigen Moment einzusetzen. Heute haben wir kein Großereignis wie damals vor 30 Jahren. Aber vor allem die jungen Menschen haben uns gezeigt mit ihren Demonstrationen am Freitag, dass eine Wende nicht schicksalhaft kommen muss, sondern dass man sie manchmal auch bezwingen, herbeiführen muss. Und zwar durch eine bewusste Zesursetzung. In diesem Sinne bin ich froh, dass wir auch heute in einer geschichtsträchtigen Zeit leben.

Erich Guist