Berührungspunkte in den ehemaligen Osten gab es keine

Meine Mutter war am Tag der Deutschen Einheit 19 Jahre alt. Meine gesamte Familie stammt aus Nordrhein-Westfalen, Westdeutschland. Berührungspunkte in den ehemaligen Osten gab es keine.Es lebte noch ein Bruder meiner Uroma mit Ehefrau, Sohn und seiner Familie in Strausberg. Meine Uroma besuchte ihren Bruder meist einmal im Jahr und sammelte das ganze Jahr über Geschenke für die im Osten lebenden Verwandten. Die Oma erzählte meiner Mutter manchmal Geschichten von ihrer Familie, aber auch, dass meine Uroma während ihres Besuches in der DDR ihren Neffen und seine Söhne nicht einmal sehen durfte. Ihr Neffe war Pilot bei der Armee. Als Offizier war es ihm verboten Kontakt zu Personen aus dem Westen zu halten.

Meine Mutter erzählte, dass ihr die Geschichten ihrer Oma aus Sicht eines Kindes sehr weh taten, da die „andere“ Familie immer große Geschenke annahm und forderte, indem sie ihr Wunschzettel mit teuren Geschenken wie Walkman zusendeten. Ein persönliches Dankeschön kam aber nie. Meine Mutter mochte die ihr unbekannte Familie gar nicht, weil sie die Entäuschung und die Verletzung ihrer Oma spürte und das nicht ändern konnte.

Den Tag der Maueröffnung hat meine Mutter im Fernseher gesehen. Sie hat sich für die Menschen gefreut, aber da sie keine persönlichen Verbindungen in den ehemaligen Osten hatte, hat es sie viel weniger berührt, als die Menschen, die nahe Verwandten dort hatten. Meine Mutter erzählte, dass der ehemalige Osten aus der Sicht eines Kindes, welches weit weg von den Grenzen lebte, sich wie ein deutschsprachiges Ausland anfühlte.

Eine Woche nach der Maueröffnung stand aufeinmal die gesamte Familie meiner Uroma, ohne sich vorher sich anzukündigen, vor der Türe meiner Oma und sagte, dass sie den Osten verlassen und für eine Weile bei meinen Großeltern in Köln unterkommen wollen, um im Westen eine neue aufregendere Zeit zu erleben, damit sie den Verzicht der ganzen letzten Jahre vergessen und die neuen Möglichkeiten voll ausleben zu können. Meine Mutter fand das ganz schlimm, da die „neue“ Familie alles Alte, das Leben im Osten, wie z.B. Freunde und Familie schlecht redeten. Sie hatte Verständnis dafür, dass Menschen ihre Geschichte verleugnen wolle und alle Personen, die zur ihrer Geschichte gehörten, aus ihrem Leben strichen. Die Wünsche und Erwartungen der „neuen“ Familie, was Beruf, Geld und Besitz betrifft, gingen in Erfüllung. Ihre persönliche Geschichte, die Herkunft, Freunde und Familie haben sie alles verloren, was sie jetzt 30 Jahre später beklagen.

Fritzi N.