Der Mauerfall – Mein Weg in die Freiheit

Heute ist der 9. November 1989, für die meisten ein Tag wie jeder andere. Doch nicht für mich. Ich spüre, dass heute etwas anders ist. Als ich aufstehe, bemerke ich eine Aufregung, die sich nicht bändigen lässt. „Was ist los mit dir, Joseph?!“ faucht meine Mutter genervt, da ich am Tisch meine Füße nicht stillhalten kann. „Sag doch auch mal was, Hans!“, schimpft sie aufgebracht und stößt meinem Vater in die Seite, welcher gerade in der neusten Ausgabe seiner Lieblingszeitung herumblättert. „Nerv mich nicht Weib und erledige den Abwasch.“ knurrt er abweisend. Mutter schnaubt und steht vom Tisch auf.

Nachdem ich mein Käsebrot aufgegessen hatte, laufe ich zu meiner Mutter in die Küche. „Mutter, darf ich draußen spielen gehen?“, flehe ich sie an. „Ja, aber gehe nicht zu nah an die Mauer, verstanden?! Du weißt, dass du das nicht darfst.“ Ernst nicke ich, gehe rasch zur Tür und ziehe mir Jacke, Schal, Mütze und Schuhe an. Öffne die Tür und stürme raus. Trotz der Kälte liegt kein Schnee, dabei liebe ich Schnee im Winter am meisten.

Auch wenn Mutter es mir verboten hatte zur Mauer zu gehen, zog es mich beinah magisch dort hin. Erst als ich vor der rund 160 Kilometer langen Mauer stehe, fällt mir ein junger Mann mit schwarzen Haaren auf. Er versucht über den Ast eines Baumes zu balancieren. Mir wird klar, dass er über die Mauer klettern will. Er springt auf den Rand der Mauer und sein Blick wandert zu mir herunter. Sanft lächelt er, bevor er auf der anderen Seite der Mauer verschwindet. Mein Herz klopft vor lauter Aufregung. Wo ist er hin? War hinter der Mauer ein tiefer Abgrund der nirgendwo endet? Doch plötzlich ertönt ein lauter knallender Schall. Ich zucke zusammen und weiß was passiert ist. Der Mann ist erschossen worden…

Mir wird schlecht.

Angst und Gänsehaut schleichen sich über meinen zitternden Körper. Ehe ich mich versehe, renne ich voller Panik nach Hause. Ich sprinte ins Haus und verstecke mich in meinem Zimmer unter der Bettdecke. So verbringe ich einige Stunden, bis Mutter aufgeregt hereinstürmt und mich aus dem Bett zerrt.

„Komm Joseph!“, sagt sie nervös, zieht mir meine Winterklamotten an und zieht mich hinter sich her. Mein Vater geht vor uns und scheint genauso nervös zu sein. Aber was ist denn nun los? Menschenmassen bilden sich um uns herum. Wieso gehen denn alle zur Mauer? Aber halt! Wo ist die Mauer? Ein Freund von Vater kommt auf uns zu.

„Die Mauer!“, keucht er atemlos. „Sie ist gefallen!“ Sofort brechen Mutter und Vater in Jubel aus. Und auch bei mir breitet sich ein Glücksgefühl aus. Endlich ist dieses „Gefängnis“ um uns herum weg…

Sandy E., 10b