Der Palast der Republik war leer

Mein Vater hat von dem Fall der Mauer nicht viel mitgekriegt, da er geschlafen hat. Erst am nächsten Tag hat er in den Nachrichten gehört, dass tausende Leute über die Grenze gegangen sind und auf dem Kudamm spazierten. Es war für ihn noch nichts Besonderes. Am Freitagabend war er im Palast der Republik, der sehr leer war, da viele Leute offensichtlich in Westberlin unterwegs waren. Erst einige Tage später war er auf der anderen Seite der Stadt. Er ist mit der U-Bahn einige Stationen hin hineingefahren, um sich sein Willkommensgeld abzuholen. Da dort keine Leute anstanden, so wie man es im Fernsehen sah, fragten er in der Bank nach, ob man hier auch das Willkommensgeld bekommen könnte. Von diesem Geld hat er sich einen Kassettenrecorder gekauft.

Meine Oma hörte an diesem Abend Nachrichten, in der die Pressekonferenz mit Herrn Schabowski übertragen wurde. Er verkündete, dass jeder DDR-Bürger nur mit seinem Personalausweis und einem Visum nach Westberlin ausreisen darf. Auf die Frage, ab wann dies gilt, antwortete er (er blätterte dabei in seinen Papieren): „… meines Wissens ab sofort“. Meine Oma staunte nur… und konnte es kaum fassen.

Am nächsten Morgen ging sie zur Arbeit und ein Kollege hatte Geburtstag. Hier wurde von einige Kollegen bereits berichtet, dass sie schon nachts in Westberlin gewesen sind. Auch eine Freundin (Kollegin) meiner Oma berichtete von ihrem nächtlichen Ausflug zum Kudamm. Sie wohnte ganz in der Nähe der Bornholmer Straße, so dass sie viel von der Menschenansammlung vor dem Grenzübergang mitbekommen hat. Es kamen immer Menschen, und zu später Stunde wurde der Grenzübergang dann geöffnet. Viele Menschen lagen sich an diesem Abend in den Armen und alle hatten strahlende und freudige Gesichter. Meine Oma kann sich auch erinnern, dass am Freitagmorgen viele Schüler in der Schule fehlten, da einige Familien den Besuch nach Westberlin sofort auf den nächsten Tag gelegt hatten. Viele trauten einfach der Grenzöffnung noch nicht und hatten Angst, dass die Grenze wieder geschlossen wird.

Am Abend waren meine Oma, mein Vater und meine Großtante im Palast der Republik „Messias Variationen“. Die Veranstaltung begann etwas später, da man noch auf Karteninhaber wartete, die von ihrem Westbesuch zurückkommen sollten. Einige Plätze blieben an diesem Abend tatsächlich leer, obwohl das Konzert ausverkauft war. Es war eine ganz besondere Atmosphäre an diesem Abend, die von den Sängern auf das Publikum übertragen wurde.

Riaan M., 7a