Der Weg von Haustür zu Haustür betrug jetzt nur noch fünf Minuten

Erzähl mal Oma: Wie war es beim Mauerfall?

Nächstes Jahr werde ich 80 Jahre alt und habe deshalb nicht nur miterlebt wie die Mauer gefallen, sondern auch wie sie entstanden ist.

Wir saßen gerade auf dem Sofa und schauten im Fernsehen die „Aktuelle Kamera“ und wir haben die Nachricht gar nicht richtig mitbekommen, also schaltete ich noch zur „Tagesschau“ um. In Falkensee konnte man ja auch die Westsender empfangen, dadurch, dass wir so nah an der Grenze wohnen. Die Nachricht war echt! Die Mauer ist auf! Am Abend kam dann noch mein Sohn aus Dresden und ich hab ihn gefragt, ob er etwas mitbekommen oder gesehen hat. Aber er meinte, dass alles wie immer war. Wir schauten uns das Ereignis noch im Fernsehen an. Da wir am nächsten Tag arbeiten mussten, sind wir früh ins Bett gegangen. Trotz der Ereignisse waren wir am nächsten Morgen auf Arbeit, doch viele Kollegen fehlten. Unser Sohn hat an diesem Tag die Visastempel für uns alle bei der Polizei besorgt.

Am Samstag sind dann mein Mann und mein Sohn zur Heerstraße gefahren, um selber zu schauen und sicher zugehen, dass die Grenze offen ist. Als sie wiederkamen, erzählten sie, dass es so ist und dort viele Autos und Menschen waren. Ich konnte es immer noch nicht wirklich glauben. Wir sind dann nach dem Mittag los, damit wir unsere Verwandten Otto und Irene in Spandau besuchen konnten. Unseren Trabi haben wir auf einem Feld abgestellt und sind dann durch den Grenzübergang. Im Westen standen viele Leute, manche boten uns auch Kaffee und Kuchen an, aber wir sind direkt zum Bus gegangen, um zum Bahnhof in Spandau zu fahren. Ich war im September schon in Spandau und kannte mich deshalb etwas aus. Dadurch wusste ich wo sich die Sparkasse befindet, um unser Begrüßungsgeld abzuholen. Wir sind dann noch kurz durch die Altstadt von Spandau gelaufen, doch uns waren da einfach zu viele Menschen. Deshalb sind wir vom Rathaus mit dem Bus zu Otto und Irene gefahren. Alle haben sich sehr gefreut.

Abends sind wir noch ins Krankenhaus, da am Freitag mein Cousin ein Kind bekommen hat. Eigentlich wollte ich in den kommenden Monaten einen Besuchsantrag stellen, um im Westen meinen neugeborenen Neffen zu sehen. Dass ich ihn unerwarteter Weise direkt nach der Geburt sehen konnte war jedoch viel besser. Nach dem Krankenhausbesuch haben sich alle bei Ute, meiner Cousine, getroffen. Insgesamt 32 Personen suchten sich einen Platz im Wohnzimmer, natürlich hat niemand so viele Stühle, deshalb setzen wir uns auch auf den Boden. Jeder hatte was zu Essen gemacht und es mitgebracht. Der Abend ging noch lange, doch wir mussten auch irgendwann wieder nach Hause und unser Trabi stand ja noch auf dem Feld. Ich war mir sehr unsicher, ob der Trabi überhaupt noch steht. Doch als mein Mann und ich beim Feld ankamen, stand unser Auto da noch. Wir haben gesehen, dass man um die Uhrzeit sogar noch sein Geld umtauschen konnte, deshalb haben wir unsere DDR Mark in Deutsche Mark umgetauscht. Da mein Mann fahruntauglich war, habe ich uns nach Hause gefahren. Nach einer Woche wurden die Mauerstücke in der Seegefelder Straße entfernt. In der Nacht klingelte es und Otto und Irene standen vor unserer Gartentür. Sie waren voller Glitter. Wir haben noch gemeinsam darauf angestoßen, dass der Weg von Haustür zu Haustür jetzt nur noch fünf Minuten betrug. Später sind wir mit dem Trabi dann auch selber vom Osten in den Westen die Straße entlang gefahren. In dem Moment des Überquerens, konnte ich es nicht glauben – die Mauer ist gefallen und die Grenzen sind offen.

Auch noch nach 30 Jahren bewegen mich die Bilder und Aufnahmen von damals. Die Erinnerung an diese Momente kommen hoch, obwohl ich es in der ersten Zeit nie wirklich realisiert habe. Ich bin auch heute noch sehr zufrieden, dass alles so gekommen ist.

Francesca T. schrieb über die Erlebnisse ihrer Oma