Die größten Tage meines Lebens

Die Tage des Mauerfalls sind die größten meines Lebens, und ich danke dem SFB, denn ohne den wäre alles ganz anders verlaufen, und auch Milka-Schokolade hat eine Rolle gespielt. Aber der Reihe nach.

Im Sommer 1989 war ich aus Südfrankreich zurückgekehrt nach einem Jahr in einem ganz kleinen Collège in einem noch kleineren Städtchen, und es dürstete mich nach großer Erlebnissen. Ich wollte endlich einmal dort sein, wo etwas los ist, und angesichts der politischen Entwicklungen dieser Monate dachte ich mir, geh nach Berlin, da passiert bestimmt bald was. Nicht ganz falsch, diese Einschätzung, wie sich herausstellen sollte. Im September zog ich also in eine Weddinger Altbauwohnung ein, versuchte mich in der Freien Universität zu orientieren und lernte nebenbei die Stadt auswendig für den P-Schein zum Taxifahren.

Den Abend des 9. November habe ich verpennt. Man hatte kein Handy, ich hatte keinen Fernseher, das Radio blieb aus und nach einem langen Tag an der Uni schlief ich den Schlaf des Ahnungslosen.

Am Morgen des 10. kam man aber nicht um die Erkenntnis herum, dass etwas passiert war. Die Luft summte vor Spannung, der Wedding glich einem Kochkessel, die Straßen waren verstopft von Trabis und die Leute hatten einen geglückten Gesichtsausdruck, den kann man nicht beschreiben. Ich schaltete endlich mein Radio ein, und es war klar: Die Mauer war gefallen.

Ich auf mein Fahrrad, und das war in den nächsten Tagen meine Beschäftigung: Uni schwänzen, mit den Rad von einem Grenzübergang zum anderen, gucken, staunen, fragen, wundern, feiern, auf Mauerabschnitte klettern, freuen. Ich schätze, ich habe von Pankow bis hinunter nach Treptow jeden Meter Mauer noch einmal von Westen aus angeschaut.

Ich glaube, es war am Abend des 10. November, da verirrte ich mich zum Potsdamer Platz. Damals war der eine Mondlandschaft, leer, Brachfläche, braune Stängel von Goldruten und Laub, das im Wind wehte, mit der Mauer, vor der ein paar Aussichtstürme standen, auf die man steigen, das Grenzregime betrachten und sich angemessen gruseln konnte. Eine Szenerie für „Spiel mir das Lied vom Tod“. Wo heute das Sonycenter stand, gab es Karnickelbauten.

An dem Abend waren dort auf der Westseite zehntausend Menschen versammelt und schauten zu, wie die DDR mit schwerem Gerät von Osten her die Mauer zerlegte. Mit großen Kränen gingen sie zu Werke, mit Bulldozern, Panzern, mächtigen Abrissbirnen; und holla die Waldfee, ich kann versichern: Die Mauer war stabil! Es dauerte Stunden, gefühlt jedenfalls, und wir begleiteten jeden schweren Schlag mit Applaus und jedes Geknatter von Vorschlaghämmern mit Begeisterung und jeden Meter zersprengten Armierungsstahl mit Buh-Rufen. Es war eine Riesenparty. Ich geriet während der ganzen Aktion in eine Gruppe von Journalstikstudenten aus Paris, die sich einfach ins Auto gesetzt hatten; sie haben dann noch bis Sonntag bei mir gewohnt und ich zeigte ihnen das brodelnde Berlin. Wie auch immer, irgendwann wurden die ersten Mauersegmente an dicken Stahltrossen hochgezogen und nach dem vierten rumpelten die ersten Trabis über den Acker; sie wurden begrüßt, wie man das aus den Filmdokumenten kennt.

Berlin war ein einziges großes Fest, die Einzelheiten verschwimmen, ich weiß nicht mehr, was ich genau gemacht habe; bis zu einem sehr präzisen Augenblick. Es war am Sonntagnachmittag, am 12. November vielleicht gegen 15 Uhr, da schaute ich (wieder einmal) am Brandenburger Tor vorbei und kam neben einen Ü-Wagen des SFB zu stehen (das war der Vorgänger des rbb). Ein Techniker sagte zu mir: „Wenn ich du wäre, wäre ich jetzt in der Deutschlandhalle.“ Ich erfuhr vom Konzert für Berlin, das stattfinden sollte; das war ein spontanes Rockkonzert in eben dieser Deutschlandhalle, mit vielen Künstlern, die sich ganz plötzlich zusammengefunden hatten. (Man kann bei Wikipedia nachlesen, wie das ablief.)

Jedenfalls bin ich vom Brandenburger Tor zur Deutschlandhalle gefahren, die sich zu füllen begann. Ich hatte fürchterlichen Hunger und kaufte mir in den Katakomben eine völlig überteuerte Tafel Milka-Schokolade; wonach ich mich ins Getümmel stürzte. Die Halle brummte vor Aufregung, von der Bühne herunter las jemand aktuelle Nachrichten vor, die Musiker stimmten ihre Instrumente und ölten ihre Stimmen. Immer wieder wurden neue Stars genannt, die auftreten würden.

Da kam eine etwa 20-jährige junge Frau auf mich zu: „Hallo Deutschland-Kind!“, sagte sie und fragte, ob sie etwas von meiner Schokolade haben könnte. Ich gab ihr etwas ab, aber ziemlich wenig. Sie entfernte sich, ging aber zum Glück nicht weit weg, denn nach einigen nachdenklichen Sekunden kam ich zu der Erkenntnis, dass ich da gerade eine gewaltige Dummheit gemacht hatte, denn sie sah richtig bezaubernd aus. Ich bin manchmal etwas langsam. Ich näherte mich ihr, entschuldigte mich und teilte meine Tafel Schokolade mit ihr, und zwar so, wie es sich gehört: fifty-fifty. Es stellte sich heraus, dass sie aus Karl-Marx-Stadt stammte und nach Berlin gekommen war, um sich den Westen anzuschauen. Sie hatte im SFB gehört, dass da ein Konzert in der Deutschlandhalle stattfinden sollte.

Und was soll ich sagen? Seitdem sind wir zusammen; verliebt, verlobt, verheiratet. Seit dreißig Jahren.

Hartmut R.