Die Stimmung war gut, nichts ging mehr

Sicht einer Westberlinerin:

Verfolgt haben wir im Sommer 89 die Flucht der DDR-Bürger über die deutsche Botschaft in Prag, auch vorher gab es immer wieder Berichte über Fluchtversuche von Menschen, die offensichtlich nicht mehr in der DDR leben wollten und die sogar beim Fluchtversuch gestorben, verletzt und auch inhaftiert wurden, wenn es schieflief. Gerade in Berlin war die Mauer überall präsent, ob in der Stadt, in Reinickendorf, Wedding, Tiergarten, Kreuzberg oder Neukölln, oder in den Bezirken, die an das Land Brandenburg grenzten. Es gab Wachtürme und Schussanlagen auf der einen und Aussichtsplattformen auf der anderen Seite. Auch, wer aus der Stadt mit dem Auto nach „Westdeutschland“ fahren wollte, musste die Grenzkontrollen passieren, um mit maximal 100 km/h durch die DDR fahren zu können. Zu Ferienzeiten oder an Feiertagen gab es lange Wartezeiten und Stau an den Grenzübergängen.

Doch das ist seit dem 09.11.1989 Geschichte. Am 10.11.1989, also einen Tag nach der Grenzöffnung, fuhr ich mit meinem damaligen Freund mit dem Motorrad zum Grenzübergang Invalidenstraße, um live zu erleben, wovon schon einen Tag zuvor im Fernsehen berichtet wurde. Die ganze Stadt war überfüllt, viele wollten von Ost nach West, die Stimmung war gut, nichts ging mehr. Auch waren dann in der Vorweihnachtszeit die Geschäfte im Westen Berlins hoffnungslos überfüllt, die Regale leergekauft. Es gab z.B. keine Weihnachtssüßwaren mehr, also einen Mangel an Waren, wie zuvor in der DDR. In dieser Zeit fuhren dann auch die Bundesbürger nach Ost-Berlin oder nach Brandenburg, um zu gucken und sich das in Ruhe anzuschauen, was sonst nur mit Visum und Zwangsumtausch möglich war.

Ich selbst kannte die DDR vorher aus dem Fernsehen, von den Grenzkontrollen, der Transitautobahn und von ein paar Besuchen mit Visum nach Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR, nach Potsdam oder nach Mecklenburg-Vorpommern. Also gab es viel zu entdecken, was vorher nicht so unkompliziert zugängig war. Im Westen Berlins kannte man sich gut aus, es war ein begrenztes Gebiet. Also war und ist das sehr positiv, dass das nahe Umland jederzeit erreichbar ist und sich die Lebensqualität dadurch in dieser Stadt deutlich verbesserte.

Sicht einer Ostberlinerin:

Silvester 88/89 sangen wir in einem Partykeller das Lied „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen. Wir hatten Angst, wir könnten verhaftet werden, denn es war verboten, seine Meinung gegen den Staat zu äußern, dabei sehnten wir uns nur danach, in ferne Länder zu reisen. Nie hätten wir gedacht, dass wir diese Freiheit nur rund 1 Jahr später haben sollten. Seit diesem Jahreswechsel spürte ich eine zunehmende Unruhe in meinem Alltag. Zu dieser Zeit arbeitete ich in einer Kinderkrippe, als meine Chefin im Sommer 1989 plötzlich nicht mehr zur Arbeit erschien. Meine Kolleginnen und ich vermuteten, dass sie in den Westen flüchtete. Am nächsten Tag kamen bereits Mitarbeiter der Staatssicherheit in die Kinderkrippe, um uns zu befragen, ob wir etwas über ihr Verschwinden wussten. Bald danach kam es in Ost-Berlin zu vielen Demonstrationen, an denen ich mich teilweise auch beteiligte. Wir wussten alle, dass diese Demonstrationen gegen das Regime verboten waren, wir demonstrierten jedoch weiter, trotz der Angst verhaften werden zu können. Wir riefen immer wieder „Wir sind das Volk“ und fühlten uns in diesem Moment den Politikern überlegen. Im November begannen mein Freund und ich unsere Wohnung zu renovieren. Am Abend des Mauerfalls malerten wir gerade die Wände und hörten dabei Radio. Im Radio lief das normale Programm, über den Mauerfall hörten wir nichts. Als wir zu den Eltern meines Freundes fuhren, dachte ich noch daran, wie einfach es wäre den kürzeren Weg durch West-Berlin zu fahren. Am folgenden Tag rief mich mein Freund an, und sagte: „Rate mal wo ich bin?“. Ich dachte, dass er arbeiten sei und sagte dies. Er freute sich und meinte, dass er im Westen sei. Ich fragte voller Angst, ob er denn zurückkommen würde, da ich nicht wusste, ob die Grenze nicht wieder geschlossen werden könnte. Ich selbst traute mich aus diesem Grund erstmal nicht nach West-Berlin. Ich betrachtete die neu gewonnene Freiheit erst kritisch. Heute bin ich froh darüber, dass die Mauer am 9.11.1989 gefallen ist, denn so ist es mir möglich meine Meinung frei zu äußern und die Welt zu bereisen.

Nadine R., 12.6