Ein kleines Wedeln mit einem DM-Schein

Das ist ein Erlebnis meiner Mutter:

Langsam schloss ich den Reißverschluss meines feinen roten Sonntagskleides und hörte meine Mutter zum Aufbruch rufen. Das war das erste Mal, dass ich einen Fuß in den Osten setzte. In den gesamten 10 Jahren meines Lebens wollte ich nicht auf die andere Seite. Wir sind ein paar Mal mit dem Auto dort hindurchgefahren, wenn wir in den Urlaub wollten. Der Osten Berlins hat mich nie gereizt. Es war alles so grau und kaputt. Das irritierende gelbe Licht der Straßenlaternen dort war gruselig und schien aus einem Albtraum augebrochen zu sein.

Aber das hier war etwas Neues und Aufregendes. Meine Gedankengänge wurden von meinem Vater unterbrochen, der uns wiederholt aus dem Haus lotsen wollte. Schnell streifte ich meine blaue gepunktete Seitentasche über, nahm meine kleine Schwester an die Hand und wir jagten unseren Eltern zum Bahnhof nach.

Freunde meiner Eltern meinten, man könne gut und günstig im Osten essen gehen.

Nächste Station Friedrichstraße. Wir sahen den Grenzübergang schon von weitem. Als wir den langen tunnelartigen Durchgang betraten, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Das Gefühl kam dem gleich, welches ich beim Anblick der gelben Straßenlaternen hatte. Als wir nun endlich wieder das Tageslicht erblickten, merkte ich, wie eine eigenartige Last von meinen Schultern abfiel. Die Stimmung wurde bedrückend, als wir in die S-Bahn in Richtung Alexanderplatz stiegen. Mutter winkte einem Ehepaar in der Bahn zu, das weiter vorn saß. Als sie sich kurz darauf in unsere Richtung bewegten, erkannte ich sie. Es waren unsere Freunde, die vorhin ebenso die Grenzkontrollen passiert hatten. Ob es für sie auch so bedrückend war?

Gemeinsam verließen wir am Alexanderplatz die Bahn und Papa nahm mich und meine Schwester an der Hand. Als wir um die Ecke bogen, waren rechts und links parallel verlaufend die gelben Lichter der Laternen an und ich nahm zum ersten Mal diesen komischen Geruch wahr, den Papa schon einmal beschrieben hatte. Hier roch es wohl überall so. Doch all das rückte in den Hintergrund, als sich das große Schild unseres Ziels, der Gaststätte, vor uns auftat. „Der Ratskeller“ stand dort groß geschrieben.

Als wir näher kamen, sahen wir schon eine lange Schlange vor dem Eingang. Es war rappelvoll und ich stellte mich schon darauf ein, dass mein grummelnder Magen erst einmal nicht zur Ruhe kommen würde. Pauline jedoch, die Freundin meiner Mutter, lief selbstbewusst an all den wartenden Leute vorbei und stolzierte zum Tresen. Ein kleines Wedeln mit einem DM-Schein, den sie aus ihrem Täschchen zog, reichte und ein Kellner winkte uns herein. Mein hungriger Magen zog sich noch mehr zusammen, als alle anderen hungrigen Leute uns verächtlich ansahen und ich spürte die Ungerechtigkeit, die hier herrschte. Wir drängelten uns an den Leute vorbei und es wurde plötzlich so still, dass ich meinen Herzschlag hören konnte. Diese eindringliche Ruhe hörte erst auf, als wir schon eine Weile auf unseren Plätzen saßen.

Annikki M., 11 Jgst.