Fackelzug am Totenbett der Republik

HEIKO RICHTER

Wir wollten nicht den Umsturz, sondern mehr Bewegungsfreiheit

Herbst 1989. Ich war damals 17 Jahre alt. Sturm und Drang also, mit bunten, aufgestylten Haaren. Unsere Clique in Falkensee verstand sich als Ostpunker, aufmüpfig, aber weitgehend unpolitisch. Klar, wir wollten alles Hemmende abschaffen, damit es freier und ehrlicher zuging im Lande. Aber an eine Wiedervereinigung von Ost und West haben wir damals nicht im Entferntesten gedacht. Wir wollten nicht mehr gegängelt werden, wollten ungehindert unsere Musik hören, die den Oberen nicht passte. Dazu zog es uns auch mal nach Berlin in die Kirchen, Gethsemane- oder Erlöserkirche, die sich damals für die offiziell geschmähten Punkkonzerte öffneten. Allerdings war es ein Irrglaube, dass in den Kirchenmauern lediglich der liebe Gott mithörte. Selbst die Kirche war von der Stasi unterwandert, wie sich später herausstellen sollte. Aber das interessierte uns damals nicht. Wie es mich auch nicht wirklich störte, dass die Stasi über mich vermutlich eine Akte führte. Das lag nahe, denn ich gehörte zum inneren Kreis der Aufmüpfigen in Falkensee. Aber was heißt schon aufmüpfig? Im Grunde fügte man sich den Zwängen. Wollte man studieren, musste man zuvor drei Jahre zur Armee. Darauf hatte ich absolut keinen Bock, also ging ich logischerweise trotz eines guten Abschlusszeugnisses in die Lehre ins Geo-Werk Brieselang (Gemeint ist der VEB Geophysikalischer Gerätebau in Brieselang.) anstatt zum Studium. Das war eben so.

Als sich dann im Sommer 1989 die Lage zuspitzte, die Leute in Scharen über Ungarn und die Tschechoslowakei abgehauen sind und mit dem Neuen Forum auch eine Gegenbewegung auf den Plan trat, war uns klar: Hier gärt es, da braut sich was zusammen. Wir wollten da nicht abseits stehen. Die Montagsdemos in Leipzig und die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge von Prag in den Westen taten ein Übriges. Und als dann Gorbatschow zum 4o. Jahrestag der Republik am 7. Oktober in Ostberlin erwartet wurde, ahnten wir schon: Da wird bei der offiziellen Demo was passieren. Also können auch wir nicht untätig bleiben.

Am Vorabend, dem 6. Oktober, stand in Falkensee wie jedes Jahr der Fackelzug der Freien Deutschen Jugend (FDJ) an, der vom Rathaus über die Sonnenstraße zum Bäckerheim an der Hansastraße führte, wo das Friedensfeuer entzündet werden sollte.

Wir hatten uns zu einer Gegendemonstration verabredet: Treffpunkt 17 Uhr am „Capitol“ in Finkenkrug. Ausgerechnet an dem Tag hatte ich, als ich den Betrieb in Brieselang verließ, an meinem Moped zwei „Platte“ entdeckt. Das kam mir spanisch vor. Hatte die Stasi da etwa ihre Hand iin Spiel? Hielten die mich für den Rädelsführer, der all das angezettelt hat? Hatte ich abernicht. Die Sache besaß mittlerweile eine starke Eigendynamik. Einige hatten nicht. Die Sache besaß mittlerweile eine starke Eigendynamik. Einige hatten Plakate gefertigt, auf denen unter anderem das Luxemburg-Wort „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ zu lesen war. Oder Forderungen
des Neuen Forums. Und unsere eigenen: Wir wollten hierbleiben und hier etwas verändern.

Ich fuhr auf Felgen zum Treffpunkt, die waren danach natürlich im Arsch. Aber ich kam pünktlich an. Wir fuhren mit dem Bus Richtung Rathaus und stiegen an der Haltestelle Bergeshöh aus. Ein Polizist sprach uns an:„Jungs, macht keinen Ärger!“ Wir ließen uns nicht beirren und waren 19 Uhr „Jungs, macht keinen Ärger!“ Wir ließen uns nicht beirren und waren 19 Uhr am Rathaus. Dort rollten wir die Banner mit den Losungen aus, die wir auf Bettlaken gemalt hatten, und sangen die Internationale. Obwohl wir nichts Schlimmes getan hatten, war uns – wir waren so 25 bis 3o Leute – dennoch ziemlich mulmig. Als wir von der Nauener in die Sonnenstraße einbogen, tauchten dort plötzlich viele Polizisten auf. Und aus jeder Querstraße kamen neue dazu. Sie nahmen uns die Banner weg, obwohl wir keinerlei Randale gemacht hatten, ließen uns aber weiterziehen. Als sich aber immer mehr Leute solidarisch um uns scharten, bekamen wir ein gutes Gefühl: Aha, wir sind nicht allein. Und ich dachte: Glück gehabt, die Sache ist gegessen.

Doch als wir zum Bäckerheim einbogen, zückten die Polizisten plötzlich Gummiknüppel, und jeder bekam empfindlich was auf den Kopf. Sie drehten uns die Hände auf den Rücken. Die Leute waren empört und riefen: „Lasst die in Ruhe, die haben euch nix getan!“ – „Keine Gewalt!“ – „Wir sind das Volk!“. Alles keine neuen Losungen im Jahr 1989, aber jetzt waren sie auch in Falkensee angekommen. Ungeachtet des Protestes aus der Bevölkerung kesselten uns die Polizisten am Zaun ein. Dann rückte ein Feuerwehrauto mit Spritze an, ein Lastwagen folgte. Sie zerrten oder schmissen die Hälfte von uns auf die Ladefläche – manche an den Haaren, wie ein Stück Holz. Auch ich und meine damalige Freundin Michelle waren bei der ersten Fuhre mit dabei. Einer musste mit einer üblen Platzwunde ins Krankenhaus geschafft werden, büxte aber gleich wieder aus. Der Kessel wurde dann plötzlich aufgelöst, und der Rest von uns konnte einfach gehen – vorerst jedenfalls. Die Feierlaune war dahin. Die meisten wollten nur noch nach Hause. Doch dann kamen die Polizisten mit Hunden zurück und jagten all jene, die sie kurz zuvor noch hatten laufen lassen. Auch sie wurden dann mit dem „Ello“ auf einer zweiten Tour zur Polizeiwache in die Kochstraße gebracht.

Im Flur des Hauptgebäudes mussten wir mit dem Gesicht zur Wand Aufstellung nehmen. Später lotsten sie uns auf die andere Seite der Kochstraße in das heute noch existierende flache Gebäude mit dem großen Saal. Dort saßen wir bis Mitternacht. Einer nach dem anderen wurde gefilzt und verhört. Dann fuhr ein „W 5o“ vor, ein richtiger vergitterter Gefangenentransporter. Wohin bringen die uns? Ich hoffte, es ging nun nach Hause. Doch der Laster fuhr über die F 5 nach Nauen ins Volkspolizei-Kreisamt. Wieder ein großer Saal, die Fenster geöffnet. Es zog verdammt, es war ja schon Herbst. Wieder wurden wir verhört, drei Mal, vier Mal. Nur vier von uns durften sehr früh gehen. Ob sie mit der Stasi kooperiert haben? Oder wollte die Stasi in der Gruppe dadurch nur Unfrieden stiften? Keine Ahnung, aber merkwürdig war’s schon.

Nach und nach erhielten alle ihre Ausweise, die zuvor eingesammelt worden waren, zurück, mussten unterschreiben, „nie wieder an staatsfeindlichen Aktionen teilzunehmen“, und wurden noch fotografiert – wie im Krimi, mit Häftlingsnummer und so. Und wurden schließlich heimgeschickt. Wahrscheinlich wollte man mit dem zeitversetzten Entlassen verhindern, dass alleden gleichen Zug nach Falkensee nahmen. Wer unter 18 Jahre alt war, bekam den gleichen Zug nach Falkensee nahmen. Wer unter 18 Jahre alt war, bekam seinen Ausweis nicht in die Hand, sondern wurde mit dem „W 50″ nach Hause gefahren und den Eltern übergeben. Vermutlich hatten sie sich bei mir verrechnet, denn ich war noch nicht ganz 18, durfte aber auch irgendwann alleine los. Nur meinen Ausweis gaben sie mir nicht zurück. Als ich gegen Mittag des 7. Oktober bei uns zu Hause ankam, harkte mein Vater – Oberstleutnant bei den Grenztruppen – vor dem Haus das Laub. Mit den Worten „Ihr Sohn hat an einer staatsfeindlichen Aktion teilgenommen“ überreichte ihm fast zeitgleich ein Polizist meinen Personalausweis. Mein Vater verstand die Welt nicht mehr.

Nach diesem Schock trafen wir uns an diesem Sonnabend in unserer Stammdisko im Club Staaken. In Nauen und Ostberlin waren vormittags die offiziellen Demonstrationen zum Republikgeburtstag über die Bühne gegangen. Viele hatten wie wir am Vortag die Internationale gesungen. Gänzlich straffrei.

In der nächsten Woche staunten wir nicht schlecht, als die Lokalzeitung Märkische Volksstimme unter der Überschrift „Störung unterbunden“ kein Wort von den Gummiknüppeln erwähnte. Vielmehr stand da: „In der Hansastraße lösten sich die Punks aus dem Zug und riefen staatsfeindliche Paro-len. Während die VP [Volkspolizei] bemüht war, die Störungen zu unterbinlen. Während die VP [Volkspolizei] bemüht war, die Störungen zu unterbinden und einige Personen abgrenzte, versammelten sich um das Geschehen zunehmend Schaulustige, wodurch die polizeilichen Handlungen behindert wurden.“

Das hatten aber nicht nur wir ganz anders erlebt. Es meldeten sich Zeugen,die empört dieser „Verlautbarung“ widersprachen. Der Redakteur hatte aber die empört dieser „Verlautbarung“ widersprachen. Der Redakteur hatte aber offenbar einfach keinen Arsch in der Hose, diese amtliche Version richtigzustellen.

Doch von da an überschlugen sich die Ereignisse im Land, Honecker wurde zum Rücktritt genötigt, die Demos ergriffen die Massen..Der damalige Falkenseer Bürgermeister Carsten Schulz regte an, der Sache vom 6. Oktober durch eine Aussprache zwischen Betroffenen und Polizei endlich auf den Grund zu gehen. Diese Bemühungen erlebten ihren Höhepunkt am 8. November, als fünf- oder sechshundert Leute im „Capi“ in Finkenkrug zusammenkamen. Mit dabei die Polizisten aus Falkensee und Nauen, die einräumten: Ja, wir hatten den Befehl, auch Gewalt anzuwenden. Ja, es waren Gummiknüppel im Spiel. Sie entschuldigten sich bei uns. Aus dieser Runde gingen wir also eindeutig als Sieger hervor. Einer meiner Kumpels machte Fotos von dieser Veranstaltung und drückte mir die Filme in die Hand: „Mach was draus. Wir haben die Nase voll, wir hauen ab.“ Fünf oder sechs unserer Gruppe gingen über Prag nach drüben. Einen Tag, bevor die Mauer fiel.

Heute, ein Vierteljahrhundert danach, sind sie alle wieder in der Nähe. Doch damals hat es mir fast das Herz zerrissen. Ich habe mich bisher nie für meine Stasi-Akte interessiert. Ich weiß, dass viele erpresst oder auch ohne ihr Zutun als „Spitzel“ benutzt wurden. Ich wollte einfach nichts davon wissen, um nicht sauer zu sein auf Leute, die vielleicht gar nichts dafür konnten. Jetzt, wo sich unsere Wege längst getrennt haben, habe ich nun doch Akteneinsicht beantragt. Mal sehen, ob es den Blick zurück verändert.

Aufgeschrieben von Hiltrud Müller

(aus: Thomas Lenkitsch, Elke Märtins, Hiltrud Müller, Helmut Müller-Enbergs, Ines Oberlin: Stasi in Falkensee. Studien – Sichtweisen – Schicksale. Hrsg. im Auftrag der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Berlin: Metropol Verlag, 2014. S. 215-221.)