Heute geschlossen, die Grenze ist auf, wir sind in Hannover!

Meine Mutter hat in den Nachrichten die neue Reiseregelung gehört, aber nicht geglaubt. Am nächsten Morgen fuhr sie, wie gewohnt, zu ihrer Lehrstelle. Dort hatten sich bereits zwei Auszubildende mit der Aussage „Ich bin im Westen“ beim Lehrmeister abgemeldet. Diese zwei hatte bereits einen Ausreiseantrag gestellt. Alle weiteren Auszubildenden hatten die neue Reiseregelung ebenfalls angezweifelt. Der Lehrmeister legte nach einer langen Diskussion fest: „Alle Auszubildende müssen Urlaub einreichen, wenn sie sofort an die Grenze fahren wollen.“ Es reichten zwei Auszubildende Urlaub ein und gingen sofort. Eine Woche danach traute sich auch meine Mutter mit ihrer Schwester über die Grenze nach Spandau.

Meinen Vater erreichte die Nachricht zur neuen Reiseregelung am nächsten Morgen in Dresden. Er stand mit einigen Kollegen vor dem verschlossenen Tor der Autowerkstatt in der er wie jeden Morgen seine Arbeit beginnen wollte. Am Tor hing ein handgeschriebenes Schild von seinem Chef und Meister, „Heute geschlossen, die Grenze ist auf, wir sind in Hannover“. Aus den Nachrichten der Aktuellen Kamera am Vorabend konnte er die Auswirkungen der Aussage von Herrn Schabowski nicht entnehmen, dass die Grenze in wenigen Stunden geöffnet wird. Umso größer war die Überraschung am nächsten Tag. Mit der so gewonnenen Freizeit ging auch er zum Rathaus, um sich seinen Reisepass oder Personalausweis abstempeln zulassen. Für ihn war die Zeit vor 30 Jahren unglaublich beeindruckend. Zum Beispiel die Fragen: „Bleibt alles friedlich?“, „Wird es Reiseerleichterungen geben?“ „Bleibt die Grenze offen?“, „Wie entwickelt sich das Land weiter“. Ein paar Tage später besuchte er West-Berlin.

Maja R., 9a