In dem Stau war es wirklich schön

Wir haben von Fernseher gesessen, es kamen die Nachrichten: die Grenzen sind ab sofort geöffnet. Ich hatte Probleme, wir hatten uns angeguckt und mir kamen die Tränen. Es war so klasse. Wir sind erstmal aufgesprungen. Konnten wir uns jetzt freuen oder ist irgendwas verkehrt? Oder wollen die wissen, wie wir reagieren, ist das jetzt wirklich war? Jetzt müssen wir ersteinmal versuchen, zu telefonieren. Oder wir gucken jetzt erstmal aus dem Fenster. Am besten fahren wir gleich los. Wir sind dann wirklich am nächsten Tag in der Früh in den Trabi gestiegen und sind erstmal losgefahren. Die Idee hatten aber sehr viele. Über Magdeburg und dann nach Braunschweig. Es gab einen sehr großen Stau, aber es war ein schöner Stau, alle hatten die Fenster offen „Ey, die Grenze ist jetzt offen!“ Ist das wirklich wahr, stehen wir jetzt wirklich am Westen an? Danach dachte man sich: Wenn man jetzt von der Autobahn runterfährt, ist man im Westen. Es war Volksfeststimmung im Stau auf der Autobahn. Heute im Stau auf der Autobahn schimpfen alle. Aber in dem Stau war es wirklich schön. Die Grenzer haben nicht ernsthaft kontrolliert, sondern einfach nur durchgewunken. Die wussten ja selber nicht wirklich, warum sie jetzt da standen, es ging einfach durch. Es waren ja Schlangen von Menschen und Menschen. Als wir dann endlich ankamen, bin ich erstmal in den Supermarkt rein und musste dann wieder mit den Tränen kämpfen, obwohl ich das eigentlich nicht wirklich kannte mit den Tränen. Man muss mal überlegen, bei uns im Osten war nichts mit Farbe, es sah alles gleich aus und wenn man dann in den Supermarkt da reinkam, im Westen, war alles so bunt und schön. Dabei kamen mir einfach die Tränen. Ich habe in dem Supermarkt nichts gekauft. Ich habe da einfach nur geguckt und das hat mir auch wirklich gereicht. Ich habe einfach mal das Gefühl genossen.

Levin M., 10f