Meine Urgroßeltern blieben in der Gaststätte. Einer musste ja die Stellung halten

30Jahre Mauerfall — Omi erzähl mal …

Meine Urgroßeltern lebten in Falkensee, nahe dem Falkenhagener See und arbeiteten in einer Gaststätte, beim Haveleck. Omi in der Küche und Opi am Tresen. Am 09.November 1989 abends kam ein Gast ins Lokal und rief ganz laut: „Die Mauer ist auf, die Mauer ist auf!“ Omi und Opi guckten sich entsetzt an, keiner wollte das glauben. Bis auf ein paar wenige rannten alle Gäste auf die Straße. Die Straßen füllten sich immer mehr mit Menschen. Sie fuhren zur Bornholmer Straße — dort wurde der Grenzübergang als erstes geöffnet. Meine Urgroßeltern nicht, sie blieben in der Gaststätte. Einer musste ja die Stellung halten, und man dachte, dass es nicht stimmen kann, die Grenzen werden wieder geschlossen. Am ersten Abend durfte man nicht zurück in den Osten, man musste im Westen bleiben. Das entschieden die Soldaten eigenmächtig. Am nächsten Morgen, das war ein Freitag, öffneten sie die Gaststätte ganz normal wie jeden Tag, doch der Kellner kam nicht — er blieb wohl im Westen. Falkensee wurde erst am Montag 13.11.1989 eröffnet, durch Herrn Momper, abends um 18 Uhr. Das war aufregend. Um die Grenze passieren zu können, musste der Ausweis vorgezeigt werden, erst dann durfte man rüber gehen in den Westen. Am 13. November gingen auch Uroma und Uropa das erste Mal in den Westen. Sie fuhren nach Britz, denn dort wohnte ihre Schwester mit Mann. Sie bekamen ihr Begrüßungsgeld von 100 Mark für jeden. Das Ost-Geld haben sie sich auch umgetauscht. Sie sind dann durch die Läden gebummelt. Man wollte sich auch die schönen Dinge gönnen. Aber im Westen bleiben, wollten sie nicht. Es fehlte ihnen an Nichts im Osten. Zurück im Lokal besuchte sie sogar Frau Ute Boy, eine angesehene Moderatorin des SFB. Sie staunte über die schöne Gaststätte und das tolle Essen. Sie berichtete sogar im Fernsehen darüber und widmete Omi eine Karte. Silvester 1989 gab es eine große Party am Brandenburger Tor, doch ohne meine Urgroßeltern. Sie arbeiteten im Lokal. Juni 1990 gab es dann das neue Geld, die DM. Viele Falkenseer wurden arbeitslos, auch Omi und Opi. Sie machte sich selbstständig, als Änderungsschneiderin und er wurde Gas-Wasser-Installateur bei Herrn Wiedemann. Die sind heute noch in der Falkenhagener Straße zu finden.

Alina M., 7f