Plötzlich brach seine Welt zusammen

Ich erzähle die Geschichte meines Opas. Mein Opa war 1989, 38 Jahre alt, und hat als Offizier der NVA (Nationale Volksarmee) in Greifswald (Mecklemburg Vorpommern) gedient. Die Pressekonferenz mit dem SED Politiker Herrn Schabowski hat er live im Fernsehen gesehen. Für ihn hat sich zu diesem Zeitpunkt daraus aber nicht mehr ergeben. So richtig hat er erst am nächsten Morgen den Mauerfall mitbekommen, als im Fernsehen die Leute berichtet haben, dass sie in Westberlin auf dem Kurfürstendamm waren und ihre Verwandten getroffen haben. Da wurde ihm erst mal bewusst, was die Pressekonferenz ausgelöst hat. Für ihn und die anderen Armeeangehörigen hat sich daraus eine sehr große Ungewissheit ergeben, wie es nun eigentlich weiter geht. Er, als Armeeangehöriger, hatte niemals daran gedacht, dass jemals die Mauer fallen wird. Er selbst hat die ganze Sache mit Vorsicht betrachtet, weil sie mit der Armee im Prinzip dazu beigetragen haben, die Grenze zu schützen. Von den Vorgesetzten konnte niemand sagen, wie es weitergehen wird. Vor allen auch in Bezug auf die Vorbereitung der ersten freien Wahlen, die am 18. März 1990 durchgeführt wurden. Es wurde immer gesagt, dass für die NVA alles so bleibt, wie es ist, da man sie ja nicht so ohne Weiteres auflösen kann. Und wie er schon sagte, dadurch war die Unsicherheit für ihn als Armeeangehörigen sehr groß. Er hatte ja eine Familie, die er versorgen musste und für die er verantwortlich war. Solche Probleme wie Reisefreiheit, Demokratie und so weiter, das spielte damals in diesem Moment überhaupt keine Rolle. Und das Empfinden von Berliner Familien, die durch die Mauer getrennt waren, hatten sie ja nicht. Diese Familien haben das ganz anders gesehen.

Für ihn war eine wichtige Grenze weg und auch die Machtverhältnisse in der DDR waren nicht geklärt. Für ihn als Armeeangehörigen war es wichtig, dass alles friedlich blieb und dass nicht irgendwelche Probleme auftreten, die dann mit Waffengewalt geklärt werden müssen. Für die NVA war die Bundeswehr vor dem Mauerfall der Feind und auf einmal war das Feindbild weg. Sie waren sich nicht sicher, ob es jetzt auch so bleibt.

An die spätere Wiedervereinigung hatte zu diesem Zeitpunkt noch gar keiner gedacht. Für ihn selbst war die Zeit bis zur Deutschen Einheit eine sehr unruhige Zeit, weil sie keine konkreten Aufgaben mehr hatten bzw. Aufgaben, die gestellt wurden, sind wieder zurückgenommen worden. Es wusste eben keiner, wer noch was zu sagen hat und wohin die Reise geht. Sie hingen als NVA von März bis zur Einheit in der Luft. Von Regierungsseiten wurde ihnen damals versprochen, dass sie als NVA nicht aufs Abstellgleis geraten werden. Es gab zu diesem Zeitpunkt aber zwei Armeen.

Im Einheitsvertrag 1990 wurde festgelegt, dass beide Armeen bleiben werden, was in der Realität aber nicht möglich war. Daraus ergab sich, dass die NVA aufgelöst wurde. Und plötzlich brach seine Welt zusammen. Er war 21 Jahre Berufssoldat und wurde plötzlich entlassen. Daraufhin stellte er sich natürlich die Frage: „Was hat die Einheit mir gebracht? “ So wie ihm, erging es ja der Mehrzahl der Berufssoldaten und sie hatten von heute auf morgen keine Arbeit mehr. Erst dachte er, er fällt in ein großes Loch, da er so was wie Arbeitslosigkeit nicht kannte. Neben der Ungewissheit, wie seine Zukunft aussieht, kam natürlich auch dazu, dass alle Errungenschaften, die man sich im Leben aufgebaut hatte, erstmal hinfällig waren. Seine Qualifikationen wurden nicht anerkannt. Plötzlich war jeder auf sich selbst gestellt und für sich selbst verantwortlich. Er konnte ja nicht resignieren, also musste er sich um eine Umschulung kümmern.

Diese hat er dann auch gemacht. Viele seiner Kollegen und Freunde haben sich eine neue Arbeit gesucht. Es gab aber auch Kollegen, die es nicht geschafft haben sich eine neue Arbeit zu suchen. Reisefreiheit ist ja schön, wenn man aber kein Geld verdient, kann man auch nicht reisen. Aber auch er mit seiner Familie hat dann später die Möglichkeit genutzt, nach Westberlin zu fahren und sich „im Westen“ alles anzuschauen.

Mein Opa hat seiner Meinung nach das Beste aus der Situation gemacht und genießt mit meiner Oma sein Rentnerleben.

Sophie von H., 7c