Über die Medien konnte man sich grob ein Bild machen, wie es im damaligen Westdeutschland aussah, deshalb war ich nicht so euphorisch

Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen der ehemaligen DDR und der BRD geöffnet. Mich gab es damals noch nicht, aber ich höre gern Geschichten aus dieser Zeit zu. Vieles davon ist nur schwer zu verstehen und für mich nur schwer vorstellbar.

Meine Mutter war damals selbst noch ein Kind, gerade mal 9 Jahre alt und hat daher nur wenige Erinnerungen an diese Zeit. Ich habe deshalb meine Oma gefragt, wie sie den Tag der Wende erlebt hat und folgende Antwort von ihr erhalten:

Hallo liebe Milena,

ich kann mich gut an den bewussten Abend erinnern, wir haben ungläubig vor dem Fernseher gesessen. Am nächsten Tag sind wir wieder ganz normal zur Arbeit gegangen und haben dort viel und lange diskutiert. Für uns gab es die bange Frage: Wie wird es weiter gehen?

Im Vorfeld stand für mich persönlich nie die Frage, die DDR in irgendeiner Form zu verlassen. Als alleinerziehende Mutter hatte ich alle möglichen Vergünstigungen, garantierter kostenloser Kindergartenplatz, kostenloses Essen in Kindergarten und Schule, mehr Urlaub, einen bezahlten Haushaltstag, kürzere Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, Kinderbetreuungszeit im Krankheitsfall.

Und nun, was würde jetzt passieren… Über die Medien konnte man sich grob ein Bild machen, wie es im damaligen Westdeutschland aussah, deshalb war ich nicht so euphorisch, was die Zukunft anging. Leider haben sich meine Befürchtungen ziemlich schnell bestätigt. Ich habe damals auf der Warnow-Werft gearbeitet und schon im Frühjahr bis Sommer sind „Experten“ zu uns gekommen, die nicht begeistert waren, dass Frauen dort Ingenieurstätigkeiten ausgeübt haben. Und schon im Herbst 1990 wurde ich arbeitslos.

Nun kam die Angst dazu, dass ich die Miete nicht mehr bezahlen kann, die nach der Wende sehr schnell anstieg. Und die viel gepriesene Reisefreiheit konnte ich mir ebenfalls nicht leisten, was übrigens auch viele normale Familien im Westen nicht konnten. Zu DDR Zeiten sind wir sogar zwei Mal im Jahr verreist, zwar nicht nach Mallorca aber immerhin. Ich habe mich in dem Sinne nicht eingesperrt gefühlt.

Deine Oma (aus Rostock-Warnemünde)