Übermut und Freude im Rettungswagen

Die Tage des Mauerfalls (erlebt von Anja H., Alter zum Zeitpunkt des Mauerfall: 20 Jahre)

Zu der Zeit, als die Mauer fiel, wohnte ich gerade in einem kleinen Ort in der Nähe von Hannover. Dort machte ich eine Ausbildung. Aber ich bin gebürtige Berlinerin und meine Familie und Freunde lebten weiterhin in Berlin.

Der Abend des 09. November 1989 war für mich nichts Außergewöhnliches. Ich arbeitete noch ein bisschen für die Ausbildung und ging dann früh ins Bett. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sagte mein Onkel, bei dem ich zu dieser Zeit wohnte: „Anja, die Mauer ist offen.“ „Ja, ja, klar. Guter Wochenendscherz.“ Da mein Onkel häufiger Scherze machte, glaubte ich ihm kein Wort. Dann zog er mich aber vor den Fernseher und ich war total überwältigt von den Bildern aus Berlin. Mir war klar, dass ich unbedingt nach Berlin musste, obwohl ich es eigentlich für dieses Wochenende nicht geplant hatte.

Hinfahren, das war klar. Oh man, da passiert gerade etwas ganz Großes. Und irgendwie hatte jeder Angst, dass diese Öffnung nur für ein paar Stunden gelten würde. Alle wollten nach Berlin. Das war jedenfalls mein Gefühl. Sollte ich mit dem Auto fahren? Oder mit dem Zug? In den Nachrichten kamen immer mehr Meldungen. Die Straßen waren total verstopft, der Verkehr brach zusammen. Nichts ging mehr. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, denn mein Zug zur Ausbildung würde in einigen Minuten fahren. In diesem Augenblick klingte das Telefon. Ein Freund rief an und sagte: „Anja, wenn Du kannst, dann komme am Wochenende nach Berlin, wir müssen die Rettungswagen besetzen. Berlin ist im Ausnahmezustand.“ Ich war seit 1986 Mitglied beim Arbeiter-Samariter-Bund und hatte dort in der Vergangenheit meine Ausbildungen zur Sanitäterin gemacht. Ich fuhr bei diversen Veranstaltungen ehrenamtlich als Sanitäterin auf dem Rettungswagen.

Damit war klar, dass dieses Wochenende irgendwie anders werden würde. Es machte sich bei mir eine wahnsinnige Euphorie breit. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren. Schnell ein paar Sachen in eine Tasche gestopft und ab nach Hannover zur Ausbildung, um ein paar Dinge zu klären. Für Montag war eine wichtige Klausur angesagt. Die würde ich definitiv nicht schreiben können. Als ich in Hannover ankam, musste ich feststellen, dass meine Klassenkameraden die Entwicklung der Maueröffnung zwar mitbekommen hatten, aber bei weitem nicht so euphorisch waren wie ich. Ihnen fehlte der Bezug zu Berlin. Obwohl ich mich niemals eingesperrt gefühlt hatte in Berlin, musste ich jetzt doch feststellen, dass dieser geschichtsträchtige Tag mich prägen würde. Nach dem kurzen Zwischenstopp in Hannover und der Klärung, dass die Klausur für alle verschoben werden würde, setzte ich mich in den Zug nach Berlin.

Im Zug selber war schon klar, dass diese Reise keine normale werden würde. Der Zug war voll, übervoll. Es passte kein Mensch mehr hinein. Die Menschen saßen mittlerweile in den Gängen. Der Kontrolleur setzte die Fahrscheinkontrolle aus, weil es kein Durchkommen gab. Die Stimmung im Zug war einzigartig. Jeder redete mit jedem. Viele wollten einfach mal gucken fahren, was in Berlin jetzt so los ist. Selbst an den Grenzübergängen, an denen die VoPos (Volkspolizisten) immer zustiegen und die Ausweise kontrollierten, gab es keine Möglichkeiten der Kontrollen mehr. Ich weiß nicht mehr, ob es überhaupt einen Versuch gab zuzusteigen oder ob die VoPos auch diese Kontrollen aussetzten.

In Berlin angekommen, war der Bahnhof Zoologischer Garten (welches zu der damaligen Zeit der „Hauptbahnhof“ von West-Berlin war) dermaßen mit Personen gefüllt, dass überhaupt kein Durchkommen war. Per Handy habe ich einen Freund angerufen und mitgeteilt, dass ich jetzt in Berlin sei, es mir aber unmöglich sei, zur Dienststelle zu kommen, da es kein Durchkommen gab. Einige Zeit später kam ein Rettungswagen mit Blaulicht und sammelte mich ein. Umziehen im Rettungswagen, denn Zeit hatten wir überhaupt nicht. Gegen 16.00 h startete ich meinen Dienst und 24 Stunden später stieg ich wieder vom Rettungswagen. Völlig kaputt, aber unglaublich glücklich.

Während der Zeit auf dem Rettungswagen hatten wir einige Unfälle zu versorgen. Die Menschen sprangen von der Mauer, knickten um, brachen oder verstauchten sich die Knöchel. Trotz allem war die Stimmung freundlich, friedlich und von einer Ungläubigkeit gekennzeichnet. In den Einsatzpausen hatten wir unseren Rettungswagen in der Nähe der Mauer positioniert. Fremde Menschen kamen, umarmten uns, dankten für unseren Einsatz und waren einfach nur „gut drauf‘. Mein Eindruck war, dass viele „Ossis“ einfach nur mal schauen wollten, bleiben, so wie die DDR-Behörden es immer befüchteten, wollten an diesem Abend die wenigsten.

Eine sehr witzige Begebenheit hatten wir aber dennoch. In einer unserer Pausen, wo wir nur die Stimmung auf uns wirken ließen, standen unser Arzt, der Maschinist und ich vor dem Rettungswagen. Alles war sehr entspannt, als plötzlich unser RTW startete. Unser Arzt schaute mich an, dann unseren Maschinisten und sagte dann: „Wenn wir alle hier stehen, wer fährt dann den RTW?“ Das alles passierte mit einer so unglaublichen Ruhe, dass es wirklich lustig war. Wir drehten uns dann alle mehr oder weniger gleichzeitig um und sahen einen fremden Menschen am Steuer. Trotz aller Freude ging das natürlich zu weit. Aber auch hier genügte ein Wort, der Mann stieg aus. Alles „easy“. Manchmal macht man im Übermut vielleicht Dinge, die nicht richtig überlegt sind … Aber Übermut und Überfreude kennzeichneten dieses Wochenende.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich diese Art der Freude nie wieder gespürt habe. Sie war bedingungslos. Später wich die Freude der Ernüchterung des Alltags. Aber an diesem Wochenende gab es nur ein Berlin, es gab nur Deutsche (keine Ost- und Westdeutschen), einfach nur ein Deutschland. Das war ein wunderbares Gefühl und ich war Teil dieser Geschichte.

Ina H., 12.6