Von dem Begrüßungsgeld hat er sich einen Hamburger Royal Bacon bei McDonalds gekauft

Ich habe meinen Vater zum Mauerfall befragt.

Wie es war:

Mein Vater war damals 18 Jahre alt und Lehrling in einem handwerklichen Betrieb in Falkensee. Die praktische Ausbildung fand hier in Falkensee statt und zu seiner Berufsschule nach Ost-Berlin musste er ganz umständlich mit dem Zug über Birkenwerder um West-Berlin herum fahren.

Die politische Lage im Oktober 1989 war bereits sehr angespannt. Viele Menschen waren mit den Lebensumständen in der DDR nicht mehr zufrieden und beteiligten sich an Demonstrationen. Am 07.10.1989, dem 40. Jahrestag der DDR, sollten vom Staat organisierte Demonstrationen zu Ehren der DDR stattfinden. Mein Vater war mit seinen Freunden an diesem Tag in Falkensee unterwegs und beteiligte sich an einer Gegendemonstration. Es kam sehr schnell die Polizei und wollte die Demo auflösen. Die Polizisten erteilten Platzverweise. Alle Demonstranten, die nicht gehen wollten, wurden mit Gewalt in einen LKW „geworfen“ und verhaftet. Darunter waren auch viele ehemalige Mitschüler meines Vaters. Sein Mathe-Lehrer wollte den Schülern helfen, wurde aber von der Polizei weggedrängt. Mein Vater konnte zum Glück mit seinem Moped entkommen.

In den folgenden Wochen spitze sich die Lage immer weiter zu. Im Radio hat mein Vater dann am 09. November 1989 am späten Abend gehört, dass die Mauer offen war. Man konnte einfach so nach West-Berlin gehen. Die Informationen waren aber noch etwas verwirrend. Er hat an dem Abend nicht verstanden, ob man dann auch wieder zurück in den „Osten“ kommt. Im Fernsehen konnte man sehen, wie ganz viele Menschen über die Grenze gingen und alle jubelten und freuten sich sehr.

Am 10. November 1989 hat mein Vater bis zum Feierabend gearbeitet und ist dann zu einem Freund gefahren. Im Radio hatte er gehört, dass die Grenzen offen sind und man jederzeit ein- und ausreisen kann. Mit dem Freund und dessen Eltern sind sie mit einem Wartburg zum Grenzübergang Staaken Heerstraße gefahren. Dort waren Menschenmassen unterwegs, da alle neugierig waren und nach West-Berlin wollten. Als erstes mussten sie sich beim Zoll anstellen, um einen Stempel – eine Art Visum für die Ausreise – zu bekommen. Als sie mit ihrem Auto über die Grenze gefahren sind, haben sie Kaffee und Schokolade bekommen und wurden mit Konfetti beworfen. Es waren Menschenmassen an der Grenze und jubelten. Dann sind sie mit dem Auto zum Kurfürstendamm (Kudamm) gefahren. Am Kudamm haben sie ihr Auto abgestellt und sich erstmal umgesehen. Dort konnte er sich in der Sparkasse ein Begrüßungsgeld für DDR-Bürger in Höhe von 100 DM abholen. Von dem Begrüßungsgeld hat er sich einen Hamburger Royal Bacon bei Mc Donalds gekauft. Am Kudamm war es total voll und chaotisch, weil fast alle DDR-Bürger dorthin wollten. Die Stimmung war sehr fröhlich und überschwänglich. Fremde Menschen lagen sich in den Armen, es gab keine Berührungsängste und alle freuten sich. Sie sind dann um 23 Uhr nach Hause gefahren.

Auswirkungen:

Mein Vater kam schneller zur Berufsschule, da er nicht mehr um Westberlin herumfahren musste, sondern jetzt direkt durchfahren konnte. Ansonsten hat sich in seinem Leben nicht viel geändert. Er hat zu dieser Zeit noch bei seinen Eltern gewohnt und die Lehre weiter gemacht. Neu war, dass er nun jederzeit in den „Westen“ reisen konnte. Als DDR-Bürger war er vor allem von den Angeboten inden Kaufhäusern beeindruckt. Oft ist er dort durchgelaufen und hat sich alles angeschaut. Später hat er dann auch in West-Berlin gearbeitet. Inzwischen kann er sich gar nicht mehr vorstellen, dass Falkensee und Berlin getrennt waren, da er ja täglich über die alte Grenze fährt. Wenn mein Vater heute Dokumentationen über den Mauerfall sieht, ist er davon immer noch ganz berührt, da es auch ein Teil von seiner Geschichte ist.

Ben G., 10f