Wie Enzos Mama am 10. November ausbüxte und bis nach Kreuzberg kam

Am 9. November 1989 verkündete Günter Schabowski auf Nachfrage, das Reisen in den Westen wohl mit sofortiger Wirkung erlaubt seien. Er hatte fälschlicherweise sein Blatt umgedreht und einen Abschnitt vorgelesen, der nicht für ihn bestimmt war. Nach diesem kleinen Fehler war der Schaden schon geschehen und die Grenzen wurden für jedermann geöffnet. Diese Ereignisse sind die Folge der Demonstrationen der DDR-Bürger für Reisefreiheit.

In meinem persönlichen Umfeld haben außer meiner Gerenation alle Familienmitglieder den Mauerfall miterlebt. Zu dieser Zeit war meine Mutter Doreen 15 Jahre alt und lebte auf der östlichen Seite von Berlin.

Sie erinnert sich, dass der 9. November ein ganz normaler Schultag war, an dem sie ind er ersten Stunde Sport hatte. Von den Ereignissen des Mauerfalls, die offenbar schon in der Nacht zuvor (dann muss es der 10.11.1989 gewesen sein; die Red.) stattgefunden hatten, hatte sie nichts mitbekommen. Und sie wurde auch nicht von ihren Eltern informiert, so dass sie morgens um acht durch die Informationen eines Mitschülers komplett überrascht wurde.

Sie und ihre Mitschüler beendeten noch die erste Unterrichtsstunde und verließen dann alle unerlaubt die Schule. Meine Mutter berichtet, dass sie schnell nach Hause lief, um ihre Schulsachen abzulegen. Sie traf sich danach mit einigen Mitschülern und hat an der Bornholmer Straße die Grenze zu Westberlin überschritten.

Von da an erinnert sie sich nicht mehr ganz genau, nur dass sie mit einer U-Bahn irgendwo in Kreuzberg gelandet ist, noch nie so viele Menschen auf der Straße erlebt hat, in einer Sparkasse 100 DM bekam und das Geld sofort in den Geschäften ausgab.

Sie kam irgendwann am späten Abend zu Hause an. Der Ärger, den sie mit ihren Eltern für diesen Alleingang bekam, war ihr dieses historische Ereignis im Nachhinein wert.

An den Grenzübergängen standen damals Westberliner mit Wagenladungen voller Obst, welche sie an die DDR-Bürger verteilten. Das hat meine Mutter als sehr peinlich empfunden. Sie berichtet, dass dieses Ereignis für sie keine plötzliche grundlegende Veränderung darstellte, im Gegensatz zu ihren Eltern oder Großeltern.

Enzo M.