Wir sind alle drüben, kommen aber am Montag wieder zur Arbeit

Grenzöffnung und Mauerfall – wie ich sie erlebt habe

Im Jahr 1989 habe ich als Forscher an der Charité in Berlin (Ost) gearbeitet. Das Thema war die Immunologie, also die Abwehrkräfte des Menschen gegenüber Infektionserregern und Krebszellen. In den 80iger Jahren brach die Immunschwäche-Krankheit AIDS aus. An der Forschung über diese Krankheit habe ich mitgearbeitet. Hier gab es eine Kooperation mit einem sehr berühmten Forschungs-Institut auf der anderen Seite der Mauer an der Freien Universität in Berlin-Steglitz. Da es für die DDR sehr wichtig war, sich an der AIDS-Forschung zu beteiligen, hatten einige Charité-Kollegen die Erlaubnis, tageweise in Berlin (West) Forschungsarbeiten zu machen.

An jenem 09. November 1989 (einem Donnerstag) hatte ich mich morgens auf den Weg gemacht zum Grenzübergang. Das war damals der heutige „Tränenpalast“ am Bahnhof Berlin-Friedrichstrasse. Von dort aus mit der S-Bahn nach Steglitz. Dort habe ich den ganzen Tag geforscht.

Abends bin ich zurückgefahren, wiederum über den Grenzübergang an der Friedrichstrasse. Dort bemerkte ich etwas Unruhe, mehr Personen als sonst um diese späte Abendzeit. Und ich weiß noch, dass ich dachte: „Hat wohl mal wieder ein Tourist seinen Pass verloren und jetzt Ärger mit der strengen Grenzpolizei“. Ich war dann noch kurz in der Charité im Labor (Radio oder TV hatten wir dort nicht, Internet gab es noch nicht!) und bin dann nach Hause zur Familie gefahren. In den Trabis (Trabant-Autos), die damals viel gefahren wurden, gab es häufig noch kein Autoradio, daher hatte ich immer noch keine Ahnung, was eigentlich los war. Es fielen mir nur die vielen Autos auf den Straßen auf, viel mehr, also sonst um diese Zeit (es war schon nach 22 Uhr). Zu Hause schliefen alle schon und hatten wohl die Ereignisse gar nicht am Fernseher mitverfolgt.

Ich muss wohl am nächsten Morgen sehr zeitig wieder in die Charité gefahren sein. Weil die Kinder noch schliefen, wurde kein Radio angeschaltet. Und wie gesagt: Handy und Internet gab es noch nicht. In meinem Forschungslabor in der Charité fand ich auf einem Schreibtisch einen großen Zettel mit dem Text: „Wir sind alle drüben, kommen aber am Montag wieder zur Arbeit“. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstand, oder es mir andere erklärten. Die Mauer war also offen und damit die Grenze zu Berlin (West) und meine Kolleginnen und Kollegen hatten die Chance genutzt, mal eben hinüber zu fahren. Dorthin, wo ich am Vorabend von einem Forschungstag hergekommen war, völlig ahnungslos. Bei der Grenzöffnung war ich sozusagen auf der „anderen Seite“.

(Der Ost-Opa von) Elay W.