Wir waren von 24 Schülern nur 4 Anwesende

Es war der 9. November 1989, als ich wie immer in meinem Bett lag und in meinem Buch las. Leise lief im Hintergrund das Radio, als plötzlich die Musik stoppte und nur noch ein Gewirr von Stimmen zu hören war. Ich machte das Radio etwas lauter, um verbotener Weise, den Westberliner Radiosender genauer zuhören.

Sie sprachen von der Maueröffnung, offenen Grenzen und euphorischen Menschen. Ich ließ mich von der Aufregung anstecken und rannte zu meinen Eltern ins Wohnzimmer. Sie verstanden erst nicht, worum es ging und zeigten wenig Interesse daran.

Mein Vater schickte mich ruhig aber bestimmend ins Bett, da am nächsten Tag wieder Schule war. Dieser war sehr ungewöhnlich. Wir waren von 24 Schülern nur 4 Anwesende. Den ganzen Tag schauten wir Fern im Klassenraum, um uns zu informieren. Auch keine Lehrer waren in der Schule, um Unterricht zu machen. Viele machten einen Großabstecher in den Westen. Für mich kam das lange Zeit nicht in Frage, da mein Vater ein Feuerwehrmann war. Diese waren dem Ministerium des Inneren unterstellt und wir befürchteten sonst berufliche Konsequenzen für ihn.
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Nach 3 bis 4 Wochen war die Ausreisesituation überschaubarer und klarer geregelt. Nun konnten auch wir Westberlin entdecken. Wir holten unser Begrüßungsgeld von 100 DM pro Person ab und ich kaufte mir im KaDeWe eine langersehnte Michael Jackson Platte. Ohne den Mauerfall hätte ich ein anderes Leben, ohne zum Beispiel meinen Mann, der aus dem Westen kommt.

– wahre Geschichte von Andrea Rachner, für Ina R. –