Würden sie jeden mit dem Gedanken an eine Flucht verhaften, hätten sie keine Plätze mehr frei

Da es am 09. November 30 Jahre her ist, dass die Mauer gefallen ist, habe ich mal meine Familie und Großeltern gefragt, wie dieser Tag für sie war und wie sie die Zeit generell in der DDR empfanden, da meine beiden Eltern aus dem Osten kamen. So sagen ja viele Ossis, dass sie lieber geflohen wären, aber in meiner Familie hörte ich dies nie. Auch so bin ich der Meinung, dass die DDR ziemlich runter gemacht wird, obwohl es da sehr gut war.

Oma: Ich selber wäre NIEMALS abgehauen, meine ganze Familie lebte in der DDR. Hier hatten meine Kinder ihr zuhause und somit auch ich. Uns ging es schon gut, wir mussten nicht hungern, hatten Geld, um in den Urlaub zu fahren, eine Wohnung und einen Garten. Wir sind 2mal im Jahr in den Urlaub gefahren. Einmal Winterurlaub, in die Berge, und einmal zur Familie an die Ostsee. Da Opa in Tschechien Finnhütten gebaut hatte, durften wir auch, nicht in der Hauptsaison, da Urlaub machen. Dein Vater wollte da auch nicht weg, da er dort wilde Tiere sehen konnte, direkt vor der Tür. Da was wunderschön! Aber einmal waren wir auch in Ungarn (Mein Opa verdrehte nur die Augen als meine Oma Ungarn erwähnte). Dort sind wir ins Hotel und wurden gefragt ob wir aus dem Osten oder Westen kämen. Wir sagten natürlich Osten und so sagten sie uns, wir sollen uns setzten und mussten noch ewig warten, bis wir aufs Zimmer durften. Aber die, die aus dem Westen kamen, durften gleich aufs Zimmer!?! (…)

Ich schaute gerade die Nachrichten, da sagten sie, dass die Mauer gefallen sei. Ich war so erstaunt, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte, so ging ich zu den Jungs, weckte sie und erzählte es ihnen – Sie meinten nur „Ok“ und schliefen weiter. Erst am Wochenende fuhren wir rüber und gingen in einen Laden, die Jungs durften sich jeder eine Sache aussuchen, sie waren aber so überfordert, dass sie gar nichts mitnahmen.

Mir und meiner Familie ging es gut im Osten, erst nach dem Mauerfall bekamen wir Probleme, es war nicht mehr so sicher und es wurde teurer, aber wir bekamen wenig Geld.

Opa: Ich war ab und zu der Arbeit wegen im Westen. Im Endeffekt hatte ich viele Bekanntschaften und so hatten wir zu Weihnachten Orangen und Bananen. Mit einigen Freunden machte ich auch Tauschgeschäfte und wir brachten immer Kiloweise Fisch von der Küste mit. Als dann die Mauer fiel, musste ich als Handwerker im Westen arbeiten für Ostlohn, das war schon beschissen.

Opi: Ich habe die Pressekonferenz gesehen, aber anders gewertet. Erst als ich am nächsten Tag in Leipzig war, habe ich gesehen, dass die Grenzen offen sind. So bin ich also mit meinem Sohn am Wochenende rüber gefahren, um Geld zu tauschen. Er durfte sich etwas am Haribowagen aussuchen und war über den Preis erstaunt, denn bei uns kosteten die Gummibären alle gleich, hier nicht. Und so lernte er das es nun teurer wird. Als wir dann in Kreuzberg waren, sah er die vielen Graffitis und meinte nur „Bäh, Papa das sieht hässlich aus.“ Aber auch so ging es uns gut, wir sind mit dem Trabi in den Urlaub nach Russland und so gefahren und hatten auch so immer genug. Diese Geschichte, Ossis hatten keinen Bananen, stimmt nicht, denn meine Kinder konnten sie essen! Auch so gefiel es mir im Osten, denn es war vieles besser.

Mein Opa meinte wenn ich mich so für die Geschichte der DDR interessieren würde, könnten wir zur Gedenkstätte „Hohenschönhausen“ fahren. Dies machten wir auch und dort traf ich Friedemann Körner, er ist 74 Jahre alt und wurde, als er 29 Jahre alt war, von der Staatssicherheit – kurz STASI – zum Verhör mitgenommen. Und was er dort erzählte, möchte ich euch nun auch wiedergeben!

Friedemann Körner: Hallo. Ich freue mich, sie heute hier begrüßen zu können in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Erst mal zu mir: Ich heiße Friedemann Körner und bin 74 Jahre alt, ich war hier ein viertel Jahr in U-Haft. Weil ich nichts gemacht habe. (Er führte uns durch die Gebäude und erzählte etwas dazu, bis wir im letzten Raum waren mit vielen Stühlen, wir setzten uns und hörten nochmals gespannt zu).

Ja, am 30.10.74 stand die STASI bei mir vor der Tür und meinte ich solle bitte zur Befragung mitkommen. Sie setzten mich also in einen umgebauten BARKAS B1000 und fuhren los. Mein erster Vernehmer fragte mich ein paar Sachen z.B. ob ich fliehen wolle, da sagte ich nein der Familie wegen, dann fragte er, ob ich nicht schon mal den Gedanken gehabt hätte, woraufhin ich nur antwortete: „Würden sie jeden mit dem Gedanken an eine Flucht verhaften, hätten sie keine Plätze mehr frei.“ Er fühlte sich wohl ziemlich auf den Schlips getreten, denn ich wurde nun nach Hohenschönhausen gefahren. Dort bekam ich einen neuen Vernehmer, der sah irgendwie sehr nett aus und ziemlich jung. Ich erfuhr im Nachhinein, er war erst 25 und ich sein erster Fall. Mein Glück war, dass er Kettenraucher war, so konnte ich mal einen Vogel zwitschern hören oder im Haus gegenüber Weihnachtsschmuck erkennen, also all solche Sachen, die einem Kraft geben.

Eines Tages wurde mir das Gespräch wieder zu viel, da sagte ich gar nichts mehr, da kamen andere Leute rein und schrien mich an: Warum ich es ihm so schwer mache und noch vieles mehr. Diese Schreie waren schlimmer als Schläge und sie saßen direkt neben mir und schrien mich an. Auf einmal schrie er: „Ah, Sänger sind sie?! Ich sage ihnen, wenn sie nicht reden, werden Sie nie wieder singen können. Ja das sage ich ihnen!“ Und da hatte ich echt Angst.

Eine andere Situation war auch, dass meine Frau Geburtstag hatte und ich fragte, ob ich ihr eine Karte schreiben dürfte. Direkt an ihrem Geburtstag brachte er mir eine Karte mit, sogar eine richtig hübsche, und als ich fertig war mit Schreiben, rief er einen Schließer ins Zimmer und sagte ihm er möge die Karte bitte schräg rüber bringen. Ich meinte noch es müsse schnell nach Hause gehen, da sie heute Geburtstag habe. Da schaute der Vernehmer mich an und meinte es sei doch besser, wenn sie sie gleich bekäme und deutete auf die Zelle schräg rüber. Da wurde ich so außer mir, dass er meinte ob ich Rauschgift nehme, und so hatten sie einen Grund, mich festzuhalten. Später erfuhr ich, meine Frau wurde 4 Stunden danach verhaftet.

Ich musste jeden Tag zum Verhör von früh bis spät, nur Mittag war Pause. Nach einigen Wochen bekam ich einen Mitinsassen – Zahnarzt – wir verstanden uns gut und redeten viel. Aber nach einiger Zeit fragte mich der Vernehmer komische Sachen, die er so nicht gefragt hätte und da wusste ich es, der Zahnarzt war ein STASI-Spitzel und er tat es nur führ Haft-Minderung. Und nun verlangte ich wirklich einen Anwalt. Ich bekam eine Liste, wo ein Name eingekreist war und er meinte, meine Frau hätte ihn ausgesucht. Einige Tage später fuhren wir dahin, ich fragte den Anwalt, was nun mit meinem Fall sei und er meinte nur: „Ihre Frau war gerade bei mir und möchte, dass sie mal wieder Bach für sie singen“; dabei kreiste er die Hand über seinem Kopf (wie ein Lasso) – das bedeutete, dass dieses Gespräch mit gehört wird – wir unter hielten uns noch etwas. Zurück in meiner Zelle überlegte ich, was meine Frau damit meinte, denn ich habe nie Bach für sie gesungen, und dann viel es mir ein, meine Schwiegereltern lebten in Bad Lauterbach. Nun verstand ich ihren Plan, ihr Plan war sich freikaufen zu lassen.

Als jetzt mein Prozess kam, begann die Anklage mit Beschuldigungen, aber mein Anwalt sagte nichts! Er hielt nur das Schlussplädoyer und das war ziemlich gut. Darin erzählte er, dass es nicht meine, sondern die Schuld meiner Eltern, wegen der Erziehung sei. In STASI-Fällen ist das Urteil schon vorher klar gewesen, deshalb sagte mein Anwalt nichts.

Nun kam ich also in den Knast, verurteilt zu 5 ½ Jahren. Meine Frau für drei. Ich wurde in ein normales Gefängnis gesteckt, mit 23 anderen in eine Zelle. Mörder, Diebe und noch andere Verbrecher. Natürlich mussten die Mörder mir ihre Tat erzählen, so dass ich nachts nicht schlafen konnte, da ich befürchtete, sie würden mich abstechen oder sonst was mit mir machen. Ich musste auch arbeiten, ich musste als Dreher arbeiten und die Flüssigkeit, die ich zum Kühlen darüber schüttete, dampfte ziemlich und da der Qualm nicht abziehen konnte, belagerte er nach und nach meine Stimmbänder, bis ich fast nicht mehr reden konnte. Als ich dann zum Arzt ging, meinte er wir müssten operieren. Da fiel mir gleich wieder ein, was damals der Mann zu mir sagte und so meinte ich, das, ich nur in der Charité operiert werden möchte und da meinten sie NEIN. Ich begann also Briefe zu schreiben, an alle die ich kannte, in der Hoffnung, dass ich freigekauft werde oder die OP bekomme.

Eines Tages kam ein Soldat zu mir und meinte „Körner, Sachen Packen!“. Ich dachte schon ich wäre frei, aber sie brachten mich ins STASI-Lager Rummelsburg und einige Tage später in die Charité. Ich lief da in meinem Overall und mit Handschellen herum, aber ich sah wieder normale Menschen. Als ich nun im Zimmer saß, kam ein Professor vorbei und erkannte mich, er machte eine Routine-Untersuchung bei mir. Ich stand auf und gab ihm beide Hände und er meinte nur die wachen sollen die Dinger abmachen sonst könnten wir wieder gehen. Dann fragte er mich, wie es so weit kam und ich erzählte ihm die Geschichte und er meinte nur „Ach du Scheiße!“. Das gab mir wieder Kraft. Er führte die OP durch und da er mir etwas Gutes tun wollte, holte er mich danach so oft raus wie es ging. Ich durfte zwar nicht reden, aber er erzähle mir alles und das war so schön.

Jetzt saß ich also schon 4 Jahre im Knast und da kam wieder ein Soldat „Körner Sachen Packen!“ und nun war mir klar, ich wurde freigekauft. Kurz bevor ich über die Grenze gebracht wurde, meinte Rechtsanwalt Vogel zu mir, ich dürfte niemals darüber reden, was mir passiert ist, da ich sonst den Freikauf von anderen Insassen verhindere. Heute weiß ich, ich war 50.000 Mark wert. Als ich über die Grenze war, sah ich meine Frau, und kurze Zeit später kam mein Vater auch mit meinen Kindern, nun 7 und 6 Jahre alt, aber sie erkannten uns nicht und wollten zurück zu meiner Schwester, denn zu unserem Glück kamen die Kinder nach sieben Wochen Kinderheim zu ihrer Tante. Nun also konnte ich von vorne anfangen.

Als ich jetzt also im Westen war, musste ich mich arbeitslos melden. Ich ging zum Amt und meinte ich war Sänger, sie meinte, ich müsse wo vorsingen, aber wie? Durch die Qualen konnte ich nicht mehr singen. Also ging ich zum Gesangshaus und da saß ein Mann, dem konnte ich alles erzählen, den, er hatte dasselbe durchgemacht wie ich und er schickte mich zu einem Arzt. Der Arzt probierte alles und als ich mich selber schon aufgab, schickte er mich in den Schwarzwald auf Kur. Dort nahmen mich die anderen zum Feiern mit und anstatt Traubensaft trank ich Federweißen (Wein). Als dann der Musiker meine Lieblingsballade spielte, überredeten mich die anderen, ich solle doch singen und das tat ich auch. Wieder zuhause arbeiteten wir an der Stimme und ich konnte wieder singen. Ich musste bei einem Job abgelehnt werden, für Arbeitslosengeld, also fuhr ich nach West-Berlin in die Oper. Vier Bewerber auf eine Stelle. Drei Wessis und ich. Ich sang die halbe Stunde um mein Leben und Tatsache, ich bekam den Job. Ich unternahm viele Chorreisen und lebte glücklich, ab jetzt. Als die Reisefreiheit beschlossen wurde, hatten wir schon Angst, dass Leute kommen würden und uns mitnehmen. Aber als dann die Mauer endgültig fiel, waren wir natürlich auch sehr glücklich.

Vanessa Sch., 10A